Hautnah mit dem berüchtigten Antisemitismus in Deutschland

Angriffe auf Synagogen, die Zerstörung von Plakaten von Menschen, die nach einem Terroranschlag in Israel von der Hamas entführt wurden, oder Vorfälle wie die Markierung der Wohnungen jüdischer Menschen mit einem Davidstern sorgten weltweit für Aufsehen. Dies ist besonders besorgniserregend, da dies ausgerechnet in Deutschland geschah – einem Land, in dem die Schrecken des Holocaust gegen das jüdische Volk verübt wurden.
Bedauerlicherweise gibt es in muslimischen, akademischen und progressiven Kreisen einen Aufschwung, diese Angriffe durch schiere Belanglosigkeit und Kontextualisierung herunterzuspielen. Das Problem ist aber, dass man als Person of Colour, die mit rassistischen Strukturen vertraut ist, sofort erkennen kann, ob ähnliche Strukturen gegen eine andere Community reproduziert werden. Und das unterscheidet es nicht von weißen Rassist*innen, die versuchen, ihren Rassismus gegen die BPoC-Community zu rechtfertigen oder zu kontextualisieren.
Anders als in diesen Kreisen üblicherweise behauptet wird, ist dieser Anstieg des Antisemitismus und der antisemitischen Angriffe nicht das Ergebnis des erneuten Krieges Israels gegen die Hamas. Wenn Du in Deutschland lebst und ehrlich zu dich selbst bist, weißt Du, dass es schon davor abscheulichen Hass und Vorurteile gegen die jüdische Gemeinschaft gab. Ich lebe seit weniger als fünf Jahren in Deutschland und bin in dieser Zeit mit etwas konfrontiert worden, das man nur als abscheulichen Antisemitismus bezeichnen kann. Und wenn Du ehrlich bist, kennst Du es auch.
Triggerwarnung: Im Folgenden werden antisemitische Vorfälle beschrieben.
Der Klischee-Spaziergang im Bezirk Kreuzberg:
In meinem ersten Monat in Deutschland ging ich mit jemandem, den ich gerade kennengelernt hatte, durch Kreuzberg. Während er normalerweise gerne eine Davidsternkette trug, kann ich mich nicht genau erinnern, ob er an diesem Tag eine trug. Das spielte keine Rolle. Als wir auf dem Bürgersteig in der Nähe des Görlitzerparks gingen, gerieten wir in einen Hinterhalt, wurden „Yahudi, Hindi“ geschrien und ein schwererer Mann von ihnen drückte sich gegen die Person, mit der ich zusammen war. Ich schrie zurück und drohte, die Polizei zu rufen, wenn sie uns nicht in Ruhe ließen. Zum Glück eskalierten sie nicht und gingen. Ich brauchte ein paar Minuten, um zu verarbeiten, was gerade passiert ist, als ich schockiert und ungläubig dastand. Die Person, mit der ich zusammen war, wollte keine Anzeige erstatten, weil er sagte, das würde nichts bringen, da dies für ihn Alltag sei. Da ich nicht wusste, was ich davon halten sollte, versuchte ich ihn zu trösten und wir versuchten, es zu vergessen.
„Wir schicken dich mit einer Hitler-Schnurrbart ins jüdische Viertel“
Ich hatte nur versucht, einen Haarschnitt zu bekommen. Die Jungs im Friseurladen sahen fröhlich aus. Nach dem obligatorischen „Hallo, wo kommst du her, Bruder“ kamen wir zum Geschäft. Die fröhliche und positive Stimmung verwandelte sich bald in eine äußerst unangenehme Situation, als der Typ, der mir die Haare und den Bart schnitt, meinen Schnurrbart wie den von Hitler formte. Zu diesem Zeitpunkt war ich der Einzige, der nicht lachte. „Zieh das sofort aus“, sagte ich ihm in festem Ton. „Ja, aber zuerst schicken wir dich so in das jüdische Viertel“, antwortete er. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich, dass ich schnell zwischen Nervosität und Wut wechselte und gleichzeitig versuchte, ruhig zu bleiben und nicht zu eskalieren. Die Jungs lachten immer noch. Als ich es noch einmal versuchte, sagte ich ihnen: „Das ist nicht lustig!“. An diesem Punkt forderte einer der Männer meinen Friseur auf, es zu entfernen. Sie entschuldigten sich dann und sagten, es sei nur ein „Witz“ gewesen!
Die Leipziger Punks
Das war noch zu der Zeit, als mir viele Neonazi-Symbole noch nicht bekannt waren. Was wie eine harmlose Gruppe von Partygästen aussah, die sich in einer Leipziger Straßenbahn unterhielten, entwickelte sich bald zu einer Situation, die für alle Passagieren äußerst unangenehm war. Während andere geschockt zusahen, konnte ich mich nur neugierig fragen, was los war. Erst als wir aus der Straßenbahn ausstiegen, erfuhr ich durch jemanden, der Englisch sprach, dass sie Nazi-Vokabular und antisemitische Beleidigungen verwendet haben.
Der Nazi-Fanboy im Döner-Laden
Ein Dönerladenbesitzer in Berlin versuchte mich davon zu überzeugen, dass Erdogan das einzige Licht in einer Welt voller „Dunkelheit“ sei, die von westlichen und amerikanischen „bösen Hunden“ regiert wird. Jedes Mal, wenn ich diesen Ort besuchte, begannen die Gespräche mit Awkwardness und verschlechterten sich dann. Obwohl ich versuchte, diese Gesprächslinie abzuschütteln, entwickelte sich daraus nur der Verdacht, dass ich einer der „westlichen Hunde“ sei. Dies erreichte seinen Höhepunkt an dem Tag, an dem er begann, lachend die Strophe der deutschen Nationalhymne „Deutschland Deutschland über alles“ aus der NS-Zeit zu singen. Ich habe ihn brüskiert, indem ich gesagt habe, dass ich das nicht lustig finde. „Arbeit macht frei“, sagte er und lachte weiter. Er sah die Verärgerung in meinem Gesicht, schien aber ihn doch egal zu sein. Ich beschloss, das nicht so stehen zu lassen, da ich nun Deutsch konnte und mich mit dem deutschen Recht auskannte. Ich habe das bei der Polizei zur Sprache gebracht, und obwohl das nicht viel gebracht hat, beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und tat das Mindeste, was ich tun konnte: seinen Laden zu boykottieren und andere zu ermutigen, dasselbe zu tun.
Wenn ich als Person of Colour mit typisch nordindischem Aussehen dies aus erster Hand gesehen habe, kann ich mir nicht einmal annähernd vorstellen, was Jüdinnen*Juden täglich durchleben müssen. Der Terroranschlag vom 7. Oktober in Israel und die anschließende Zerstörung des Gazastreifens durch Israel haben nur zu einer Zunahme dieser antisemitischen Angriffe geführt.
This blog post is also available in English: Coming face to face with Germany’s notorious anti-Semitism

